Mental Health – ein Kampf gegen die Gedanken, den man von außen kaum sieht

Im Februar 2021 wurde ich mit einer mittelgradigen Depression diagnostiziert, und im März 2022 kam die Borderline Diagnose dazu. Begonnen haben meine psychischen Erkrankungen schon viel früher. Mit Anfang der Pandemie und den Lockdowns hat sich meine psychische Gesundheit drastisch verschlechtert, ein Jahr später habe ich meine Therapie begonnen und wurde diagnostiziert. Die Depression hat sich auch durch die Einnahme von verschiedenen Antidepressiva nicht verbessert, es gab Höhen und Tiefen, und im März 2022 kam es zu meinem ersten Suizidversuch. Nach einer Woche in der Psychiatrie ging es dann langsam wieder aufwärts, mit ständiger Begleitung meiner Psychiaterin und meiner Psychotherapeutin, die ich mit März angefangen habe zu besuchen. Im Juni kam es erneut zu einem Suizidversuch, und seitdem kämpfe ich damit, dass es wieder aufwärts geht.

Eigentlich sind wir alle immer „am Werden“. Songtitel von Anna Mabo.

Wenn man einen Beinbruch hat, schont man das Bein. Wenn man eine Grippe hat, bleibt man zu Hause und ruht sich aus, bis man wieder gesund ist. Mit psychischen Erkrankungen ist es aber anders. Man führt den Alltag so lange fort, bis es irgendwann nicht mehr geht. Einerseits ist man sich vielleicht selber nicht bewusst, was los ist. Andererseits ist es in der Gesellschaft noch nicht angekommen, dass psychische Erkrankungen wie physische Erkrankungen sind – nur weniger sichtbar.

Ganz unsichtbar sind die Symptome aber doch nicht. Depression bedeutet nicht, „traurig“ zu sein oder „nur“, nicht aus dem Bett zu kommen und viel Schlaf zu brauchen. Soziale Kontakte werden abgebrochen, weil man die Menschen um einen herum nicht belasten möchte oder weil man sich einredet, dass sie eh etwas besseres zu tun haben. Man isoliert sich mehr. Oft hat man auch einfach keine Kraft, rauszugehen oder Freund_innen zu treffen. Jedes Gespräch wird zur Qual. Die Konzentrationsfähigkeit lässt ebenfalls nach – ich konnte meinem Studium nicht mehr nachgehen und kein einziges Buch mehr lesen, weil ich einfach keine einzige Seite lesen konnte, ohne den Großteil davon zu vergessen. Manchmal konnte ich mich beim Gassigehen mit meinem Mops sogar nicht mehr an die Strecke erinnern, die ich gerade gegangen war. Und oft konnte ich mich nicht an Gesprächsinhalte erinnern, was mir unglaublich weh tat. Dass ich vergesse, was meine besten Freund_innen gerade beschäftigt und was in ihrem Leben passiert. Der Haarausfall kam später auch noch dazu. Ich konnte, wenn ich durch meine Haare gefahren bin, jedes Mal ein ganzes Büschel ausgefallener Haare herausziehen. Mein ganzer Tag wurde von der Depression begleitet und langsam strahlte sie auch auf meinen Körper aus, ich hatte kaum den Kopf für andere Sachen.

Ich begann früh, meinen innerlichen Kampf öffentlich zu machen. Einerseits hilft mir das, damit umzugehen. Und die positiven Rückmeldungen, die ich bekomme, bestärken mich auch. Andererseits habe ich zwei Freunde an ihr psychisches Leid verloren. Die nicht darüber reden konnten und sich das Leben genommen haben. Ob es einen Unterschied gemacht hätte, hätten sie darüber geredet, weiß ich nicht. Aber es hat mich bestärkt, umso öffentlicher mit dem Thema umzugehen, um Menschen zu erreichen, denen es vielleicht ähnlich geht. Damit sie wissen, dass sie nicht alleine sind.

Ich bekomme vorwiegend positives Feedback, sowohl von Betroffenen als auch von Außenstehenden. Manchmal natürlich auch negatives – oft nur über einige Ecken. Ich solle nicht dauernd nur darüber schreiben, das würde mich schwach wirken lassen. Ich wäre psychisch labil und nicht in der Lage, meinen Aufgaben und Funktionen nachzugehen. Ich laufe Gefahr, nur noch mit dem Thema verbunden zu werden, was dem Außenbild einer Organisation schaden könnte. Das macht mich gar nicht wütend, das spiegelt nur das Bild, das das Thema psychische Gesundheit in unserer Gesellschaft hat, wider.

Ich bin in der privilegierten Situation, dass ich politisch aktiv bin. Ich habe sowohl in meiner ehemaligen Funktion als Landesvorsitzende der Jungen NEOS in Wien, als auch als Klubobfrau der NEOS Döbling gewählte Mandate, die mir niemand wegnehmen kann. Ich kann nicht gekündigt werden und habe dadurch einen größeren Freiraum, wozu und wie ich mich äußern kann. Ich bin der festen Überzeugung dass ich vor allem in dieser Funktion als „Politikerin“ (so fühle ich mich nämlich nicht) auf das Thema aufmerksam machen muss. So viele Menschen sind von psychischen Erkrankungen betroffen, und die Politik nimmt das Thema so wenig auf. Also sehe ich es als Teil meiner Aufgaben, dieses Thema zu entstigmatisieren und dafür zu kämpfen, dass sich die Maßnahmen in diesem Bereich verbessern.

Aufnahme mit Christoph Schütz für den Podcast „Inside Psychiatrie“ auf Sunrise Orange.

Seitdem ich offen mit dem Thema umgehe, komme ich mehr mit Menschen in Kontakt, denen es ähnlich geht. Vor allem seit meinem Psychiatrieaufenthalt bin ich davon überzeugt, dass Menschen, die mit psychischen Erkrankungen kämpfen, stärker sind als viele andere Menschen da draußen. Es ist einfacher, körperliche Symptome zu bekämpfen als psychische. Ich kann keine Creme auf meinen Kopf schmieren und kein Verband auflegen und keine Schmerzmittel nehmen, um meine Krankheit zu heilen . Während man bei physischen Leiden gegen körperliche Symptome kämpft, kämpft man bei psychischen Erkrankungen mit den eigenen Gedanken. Und da muss man sich erst einmal bewusst werden, welche Gedanken von der Krankheit ausgelöst werden und wie man sie bekämpfen kann.

Ich werde versuchen, in diesem Blog ein paar Themen aufzuarbeiten, die mich die letzten Jahre begleitet haben. Das sind rein persönliche Erfahrungen, die ich gemacht habe, und sie bedeuten nicht, dass es anderen mit ähnlichen psychischen Erkrankungen ebenfalls so geht. Ich hoffe trotzdem, dass meine Beiträge Menschen erreichen, die entweder betroffen sind oder Außenstehende sind, die entweder Menschen mit psychischen Erkrankungen um sich haben oder generell dazu beitragen wollen, das Thema zu entstigmatisieren.

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