Wenn ich erzähle, dass ich in der Psychiatrie war, denken viele an Horrorfilme, wo Menschen in Gummianzügen fixiert werden und herumschreien. Oder sie denken sich, dass man psychisch wirklich am Boden sein muss, um in die Psychiatrie zu kommen. Mir wurde aber beim Infogespräch gesagt: „Frau Shi, jetzt geht es Ihnen gut, das ist die perfekte Zeit für die Psychiatrie.“ Wie passt das zusammen?

Der Unterschied zwischen Akutstation und Behandlungsstation
Die meisten denken bei Psychiatrie an die akute Psychiatrie, die der Krisenintervention dient. Die psychiatrische Behandlungsstation, wo ich drei Monate verbracht habe, unterscheidet sich aber in vielen Punkten von der Akutstation. Die wesentlichen Unterschiede sind einerseits die Behandlung: bei der Akutstation geht es darum, die akute Selbst- und/oder Fremdgefährdung zu verhindern. Die stationäre Behandlungsstation dient dazu, der psychischen Gesundheit mittelfristig gut tun soll und es geht wirklich darum geht, einen Umgang mit den psychischen Erkrankungen zu lernen. Und andererseits unterscheiden sich die zwei Kliniken durch den höheren Grad bzw. die höhere Anforderung an Selbstständigkeit. Während man auf der Akutstation das Essen und die Medikamente ans Bett bekommt und einem das Bett jeden Tag gemacht wird, muss man diese Sachen auf der Behandlungsstation selbst erledigen oder abholen. Für die Speisenauswahl muss man sich bis zum Donnerstag vor der jeweils nächsten Woche eintragen (sonst bekommt man mittags Reserveessen und abends Mahlzeitverzicht – meine Zimmerkollegin wusste das am Anfang zB nicht und dachte, sie werde auf Zwangsdiät gesetzt lol). Gegessen werden darf nur im Speisesaal. Dafür hat man freien Zugang zur Küche und kann auch selbst kochen. Es gibt fixe Medikamentenzeiten, wo man sie beim Stützpunkt abholen muss. Waschmaschine und Trockner stehen einem zur Verfügung. Man soll hier, trotz des stationären Aufenthalts, die Selbstständigkeit nicht verlieren.
Während der Akutaufenthalt so kurz wie möglich gehalten werden soll, dauert der Aufenthalt auf der stationären Behandlungsstation grundsätzlich drei Monate. Man kann auch kürzer bleiben, man kann auch abbrechen, man kann auch verlängern (dafür ist aber ein triftiger Grund notwendig, weil Platzmangel, Einsparungen und so weiter).
Ein typischer Wochenplan
Die ersten zwei Wochen dienen mal zur Eingewöhnung. Man bekommt Infotermine zu den verschiedenen Therapiemöglichkeiten und entscheidet dann gemeinsam in der Einzeltherapie (Psychotherapie), welche man besuchen möchte. Musik-, Kunst- und Physiotherapie gibt es sowohl einzeln, als auch in der Gruppe. Ergo- oder Arbeitstherapie stehen auch zur Auswahl, und bei Bedarf gibt es auch eine Sozialarbeiterin, die einem bei verschiedenen behördlichen Sachen Unterstützung anbietet. Das Programm startet täglich um halb 9, meist im Gruppensetting. Montags und Freitags findet die Stationsversammlung statt. Bei der Stationsversammlung sitzt man mit den Ärzt:innen und Pfleger:innen und allen anderen Patient:innen im Gruppenraum und geht der Reihe nach durch, wie die Woche bzw. das Wochenende für einen war und was die nächsten Tage geplant ist. Ebenfalls am Montag ist die Medikamentenrunde, wo man einerseits lernt, welche Medikamente man eigentlich einnimmt und was genau sie bewirken. Und andererseits kann man in dem Rahmen auch die Dosierung besprechen, also ob etwas ab-/runtergesetzt, erhöht oder ersetzt werden soll. Dienstags fand das Nordic Walking statt, Mittwochs Achtsamkeitsgruppe, und Donnerstags die Morgenrunde. Dienstags kommt um 11 Uhr noch die „innere Kraft“ dazu, wo man im Gruppensetting die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson übt.

Ergo- oder Arbeitstherapie
Ich entschied mich für die Ergotherapie, weswegen ich von der Arbeitstherapie weniger berichten kann. In der Ergotherapie kann man sich für verschiedene Tätigkeiten entscheiden. Tonformen, Buchbinden, Mosaike zusammenstellen, Korbflechten und Nähen. Während der Tätigkeit kommt man oft auf Gedanken, die einem auch im Alltag begegnen und man lernen kann, mit ihnen umzugehen.
Bsp: Ich habe mich zB für das Nähen entschieden und wollte für meine Liebsten Polster nähen und aus all ihren Stoffen einen für mich selber nähen. Das Muster dahinter: Zuerst was für andere machen, und dann erst (wenn überhaupt) für mich. Einmal hatte ich die Nähmaschine falsch verwendet, weswegen sich ein riesiger Knoten bildete. Ich dachte mir: „Pause erst, wenn das Problem gelöst ist.“ Der Therapeut hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass vielleicht das ein falscher Gedankengang ist. Ich habe also eine Pause gemacht, mich auch von dem Arbeitsort (der Nähmaschine) körperlich distanziert und konnte danach mit einem klaren Kopf das Problem angehen. Hätte ich gleich weitergemacht, hätte das wahrscheinlich noch viel länger gedauert und wäre weniger erfolgreich geworden. Das ist wohl ein Problem, das wir alle oft im Alltag haben. Durcharbeiten und wenn es ein Problem gibt zu versuchen, das Problem schnell zu lösen, anstatt einen Schritt zurückzugehen und zu analysieren, wie man das Problem angehen kann.
Kunsttherapie
Die Kunsttherapie war mit Abstand meine Lieblingstherapie. Ich habe verschiedene Möglichkeiten ausprobiert, meine Emotionen auszudrücken. Einmal bin ich auf den Berg gegangen und habe runtergeschrien. Hat nicht so geholfen, wie ich hoffte (hat nur ein paar Leute verscheucht). Bei der Kunsttherapie konnte ich, entgegen meiner Erwartungen, tatsächlich einige Dinge verarbeiten und meine Emotionen ausdrücken. Ich lernte hier nicht nur verschiedene Maltechniken, sondern machte auch Fortschritte – die man durch die Kunstwerke sehen konnte: dass ich mich im Laufe des Aufenthalts weniger auf die negativen, sondern auf die positiven Emotionen konzentrierte.
In der Kunstgruppe gab uns die Therapeutin oft Inputs, manchmal in Form von Geschichten, woraufhin wir etwas dazu gestalten konnten. Zum Beispiel über den Sprung in der Schüssel – ein Makel, der keiner ist. Oder der Straßenkehrer, der anfängt, die kleinen Schritte zu würdigen, anstatt die ganze Straße zu sehen und das Gefühl zu haben, nicht voranzukommen. Bei der ersten Geschichte brach ich in Tränen aus, da die Geschichte mein größtes Thema der Geschichte traf – den Selbstwert.
Das Therapieangebot im Pavillon 20 (OWS) stützt sich auf die von Marsha Lindehan entwickelte Dialektische Behaviorale Therapie für Borderline-Erkrankte. Die Praxis hat aber gezeigt, dass diese Methode auch für andere psychisch Erkrankte hilfreich ist. Es geht viel um Achtsamkeit, sich Bewusstwerden der eigenen Glaubenssätze und Gedankengänge, das Erlernen eines Umgangs mit den eigenen Gefühlen und der Anspannung, uvm.
Skills-Gruppe
Dienstags fand für eine ausgewählte Gruppe (Borderline-Erkrankte) die Skills-Gruppe statt. Hier lernte man den Umgang mit Gefühlen, Stresstoleranz, Achtsamkeit und welche Skills man sich zulegen kann. Diese Therapieform war die anstrengendste, da man sich viel mit sich selbst und den eigenen Problemverhalten, den eigenen Glaubenssätzen, etc beschäftigen muss.
Achtsamkeitsgruppe
Die Achtsamkeit war das A und O der Therapie, und in der Achtsamkeitsgruppe machte man verschiedene Übungen durch. Atemübungen, achtsames Essen, Teilnehmen, Beschreiben ohne zu Bewerten. Diese dienen, von Gedankenspiralen wegzukommen, von der Spannung runterzukommen, sich zu entspannen und bewusster zu werden.
Morgenrunden
Jeden Dienstag und Donnerstag gab es Morgenrunden. Entweder man ging spazieren oder Nordic Walken, oder man machte Übungen im Gruppenraum. Das war eine nette Routine, die einen zwang, nach dem Aufstehen rauszugehen. Eine Übung, die ich beim Spazieren sehr cool fand, war das „Ja“ oder „Nein“ denken. Einige Momente lang zu allem, was kommt, „ja“ denken. Vögelgezwitscher, ja! Schritte von den anderen hören, ja! Vorbeifahrende Autos, mühsam aber ja! Positive Gedanken, ja! Negative Gedanken, ja! Wenn es mir schlechter geht, hilft diese Übung, meine Stimmung etwas zu verbessern. Und den Status Quo zu akzeptieren. Ja, die schlechten Gedanken kommen. Aber sie werden auch wieder gehen.

Klettern und Museumsbesuche
Immer wieder bietet das Personal auch spezielle Ausflüge an. Einmal im Monat waren wir Bouldern, und mit der Kunsttherapie geht man auch ab und zu ins Museum.
Angehörigentermine
Einmal im Monat haben Angehörige die Gelegenheit, mit der Oberärztin, der Einzeltherapeutin/dem Einzeltherapeuten und den Pfleger:innen zu sprechen. Über den Umgang mit ihren Angehörigen, wie es ihnen selber geht. Damit sollen sie auch die Krankheiten besser verstehen und lernen, einen guten Umgang mit den Patient:innen zu finden.
Freizeitgestaltung und Nachtausgänge
Die Therapie dauert unter der Woche bis 15 Uhr. Danach hat man bis 22 Uhr frei, wo man auch rausgehen kann. Man kann natürlich auch in der Klinik bleiben und auf den Steinhofgründen spazieren oder laufen gehen, im Garten oder auf der Terrasse verweilen, im Aufenthaltsraum Filme schauen, Klavier spielen, puzzlen oder Sport machen. Im Keller gibt es auch einen Raum mit einem Billiard- einem Tischtennistisch und einem Wutzler.

Das erste Wochenende darf man nicht auswärts schlafen, zwecks der Eingewöhnung. Danach darf man aber über eine Nacht auswärts schlafen, und gegen Ende des Aufenthalts wird auch empfohlen, unter der Woche mal zu Hause zu schlafen.
24/7 Unterstützung vor Ort
Die ganze Zeit ist Pflegepersonal da, an die man sich jederzeit wenden kann. Anfangs wandte ich mich nur an sie in „Krisensituationen“, wo mein „point of no return“ eigentlich schon überschritten war. In der Spannungsskala von 1-10 ist dieser Punkt bei ungefähr 7 erreicht, wo Skills eigentlich nicht mehr helfen, sondern man zur Bedarfsmedikation greifen muss. Erst spät lernte ich, auch schon früher zur Pflege zu gehen, um das Gespräch zu suchen, um eine zusätzliche Meinung zu den eigenen Gedankengängen zu bekommen. Zusätzlich kann man sie natürlich auch mit den verschiedenen Therapeut:innen der verschiedenen Therapieformen besprechen. So wie das gesamte Team ist auch das Pflegepersonal sehr gut geschult und die Gespräche haben mir geholfen, auf einige schwarz-weiß Gedanken zu kommen und sie umzudenken. In Krisensituationen unterstützen sie einen natürlich auch.
Ich bin nachhaltig beeindruckt von den Pfleger:innen, Ärzt:innen und Therapeut:innen. Selten habe ich in einem Krankenhaus erfahren, dass sich das Personal so sehr um einen kümmert. Pro Tagesschicht sind zumindest zwei Pfleger:innen anwesend (in der Nacht und am Wochenende eine:r) und teilweise gehen sie von einem Gespräch zum nächsten und verlieren dabei nicht den Faden zum Patienten/zur Patientin. Meine Einzeltherapeutin hat sogar außerhalb der Therapiezeiten Sachen für mich gegooglet, und mein Bezugspfleger hat einen Wohnungsbesuch angeboten, weil ich mich einen Großteil des Aufenthalts dagegen gewehrt habe, nach Hause zu fahren, weil mein zu Hause mit zu viel Negativem behaftet war.
Mittlerweile habe ich meine Wohnung umgestellt, eine Nähmaschine und eine Staffelei gekauft (zwei Hobbies, die ich mir während des Aufenthalts angeeignet habe und seither sehr genieße), und fühle mich auch schon wohler.
Die Psychiatrie ist nicht die ultima ratio
Der Aufenthalt hat mir wirklich gut getan und ich habe wieder einmal realisiert, dass der stationäre Aufenthalt auf einer Psychiatrie nicht die ultima ratio sein darf. Viel früher sollte man sich die Unterstützung schon holen, um gar nicht so tief auf den Abgrund zu kommen. Leider ist das noch nicht in der Gesellschaft angekommen.
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