Rückzug in die Psychiatrie

Dieser Beitrag schildert persönliche Erfahrungen. Sie sind außerdem eine Momentaufnahme vom Hier und Jetzt meiner Gedanken und Situation. Die beschriebenen Gedanken, Symptome und Erfahrungen müssen nicht auf andere mit borderline- und/oder Depression Erkrankte zutreffen. Psychische Erkrankungen äußern sich bei jedem anders, jede:r Betroffene bedarf daher einer eigenen Behandlung. Wichtig ist jedenfalls, sich in psychiatrische/psychotherapeutische Betreuung zu begeben. Damit man lernt, mit diesen Krankheiten umzugehen.

Suizidgedanken sind für mich mittlerweile Alltag geworden. Sie fühlen sich oft wie eine Sucht an, die mich dauernd begleitet. Überall, wo ich bin, denke ich daran. In den wenigen Momenten, wo ich nicht von diesen Gedanken gejagt werde, fühle ich mich dankbar und frei. Aber sonst überlege ich mir immer Möglichkeiten, zweifle an allem, was ich tue, an Freundschaften, am Sinn vom Leben und weiß nicht, was ich eigentlich mit tue oder mit meiner Zukunft anfangen soll. Und das ist schon ziemlich mühsam, wenn dann einem der Spaß am Leben vergeht. Es ist ein alltäglicher Kampf mit den Gedanken, der manchmal unkontrollierbar wird und so lande ich dann immer wieder hier, in der Psychiatrie.

Zuflucht in der Psychiatrie

Jeder Aufenthalt in der Psychiatrie hat mir ein Gefühl der Sicherheit gegeben – Sicherheit vor dem Alltag und vor mir selbst. Mir wurde fast jegliche Verantwortung (über mich selbst) abgenommen. Es gab einen geregelten Tagesablauf, Mahlzeiten und Medikamente wurden dir zu festen Zeiten buchstäblich ans Bett gebracht. Es sind 24/7 Ärzt:innen und Pfleger:innen vor Ort und andere Patient:innen um einen herum, denen man nichts vorgaukeln oder erklären muss. Man musste nicht viel nachdenken und sich keine Sorgen um die nächsten Termine und Fristen machen.

Wenn man also Angst vor dem Alltag hat, vor allen Aufgaben und zwischenmenschlichen Beziehungen, ist die Psychiatrie ein ganz guter Ort. Es ist bei borderline nur so, dass die Suizidalität und die Selbstverletzung Symptome sind, die mit Psychiatrieaufenthalten nicht heilbar sind. Es sind mehr Impulse, die mit Psychotherapie zu bewältigen sind als mit Medikamenten. Aber sicherlich hilft der Psychiatrieaufenthalt kurzfristig, um eine akute (Selbst)Gefährdung zu verhindern – die Frage ist nur, ob man sich dann nicht absichtlich in die Situation bringt, um wieder in Sicherheit zu kommen. Und das sollte langfristig nicht das Ziel sein.

Borderline – abwarten…

Im Juni landete ich auch in der Psychiatrie, da ging es aber für mich nach zwei Nächten Intensivstation und einem kurzen Gespräch mit dem Psychiater wieder raus, weil ich wusste, dass mir der Aufenthalt dort nicht viel bringen wird. Und dann dachte ich mir: Okay. Von März auf Juni waren es drei Monate, jetzt muss ich mindestens 4 Monate aushalten. Abwarten, wie meine Psychiaterin sagt, denn bei borderline ist es ein großes Auf und Ab, eine starke Welle sozusagen, die mit der Zeit kleiner werden und irgendwann abflachen soll. Wenn man sich damit beschäftigt – und eben abwartet. Also jedes Mal, wenn die Gedanken wieder kommen, ein bisschen länger warten, bis sie ausbrechen. Von dem her kann ich frühestens im Oktober wieder abstürzen, dachte ich mir. Und spannenderweise ist das genau am 1. Oktober wieder passiert. Es ist so wie Viktor Frankl es in seinen Erzählungen beschreibt – wenn Kranke ein Datum im Kopf haben, dann halten sie es auch nur bis zu dem Datum aus. So irgendwie.

Jetzt bin ich also wieder in der Psychiatrie. Es kann sein, dass ich noch öfters hier lande, und es noch ein langer Weg wird, bis ich meine Emotionen und meine Gedanken in den Griff bekomme. Ziel für mich ist es jedenfalls, irgendwann nicht stationär aufgenommen werden zu müssen, weil ich meine Gedanken und inneren Kämpfe langfristig in den Griff bekomme und mich von ihnen distanzieren kann.

… und skills lernen

Was man tun kann, um die Abstürze zu vermeiden bzw sie hinauszuzögern? „Skills“ ausbauen. Das sind Techniken, die man je nach Anspannungsgrad/Grad der Niedergeschlagenheit/Grad der emotionalen Aufruhr anwenden kann. Am besten schreibt man sich das auf einem Stück Papier auf, mit einem senkrechten Balken von 0-100, was den Grad der Anspannung/Emotionalität/etc beschreibt. Daneben schreibt man die Techniken hin, die einem helfen, bzw. eben ab welchem Grad man was anwenden kann. Bei mir wird es bei 20 ungefähr fühlbar und hier hilft es, Musik zu hören, ein bisschen zu schlafen, oä. Danach Achtsamkeitsübungen (zB Yoga oder andere Übungen, wo man die Muskeln spürt oder den Körper, zB kalt duschen), Klavier spielen, Sport, Freund:innen anrufen, etc. Ganz oben kann man sich mit der/dem Psychiater:in vielleicht ausmachen, ob man ein Bedarfsmedikament bekommen kann, das einen beruhigt. Und ganz ganz oben steht die Rettung, bevor man sich etwas antut. Sowas auszuarbeiten dauert vielleicht etwas, zahlt sich aber definitiv aus.

Besser nach Hilfe rufen als sich den negativen Gedankenspiralen zu geben

Das, was mich dieses Mal hierher geführt hat, war eine nüchterne Tat. Die Male davor, wo ich dem Suizid(versuch) nahe war, war ich meistens betrunken. Ich versuche also zu verstehen: Wie ist es dazu gekommen?

Es hat sich im Endeffekt schon die letzten zwei Wochen angebahnt. Mir ist es immer schlechter gegangen, mit ein paar guten Tagen dazwischen. Die Emotionen sind immer extremer geworden, und die Impulsivität war irgendwann schon fast unkontrollierbar (vor allem betrunken). Und irgendwann hat es mich überfordert.

Rückblickend bin ich mir sicher, dass es kein Suizidversuch war, sondern ein Hilfeschrei. Auch wenn medizinisch gesehen der Begriff Suizidversuch weit gefasst ist und auch Gedanken schon darunter subsumiert werden können, möchte ich es in meinem Fall nicht so bezeichnen. Es war ein Moment, der sich angebahnt hat, und nach zwei Tagen extremer Antriebslosigkeit ausgebrochen ist. Nach zwei Tagen Durchschlafen war mein ganzer Körper taub und mein Kopf von einer dunklen Wolke umhüllt, wodurch ich gar nicht mehr denken konnte. Meine Reaktion darauf: Flüchten. In dem Moment hieß das für mich: Freund:innen kontaktieren, Rettung und Psychiatrie.

Im Nachhinein denke ich, dass ich auf Freund:innen zum Ruf der Rettung ausgewichen bin, weil ich selber nicht dazu imstande war – aus Angst, abgelehnt zu werden. Es kommt schon öfters vor, dass man in der Psychiatrie abgewiesen wird, weil man kein akuter Fall sei. So ging es mir beim Versuch der ersten Einweisung im März, und so geht es vielen, die mir davon berichtet haben. Im Gespräch mit den Polizisten, die dann zu mir gekommen sind, stellte sich die Absurdität davon eigentlich heraus. Ich erklärte die Abweisungen mit mangelnden Plätzen auf den Stationen, fehlenden Ressourcen und Personalmangel. Er meinte dazu: Das ist ja absurd. Nur weil wir Personalmangel haben, heißt es nicht, dass ich nicht zu einem Einsatz fahre. Aber ja, es gibt tatsächlich zu wenig Platz hier. Deswegen bin ich dieses Mal auf einer anderen Station (wo das „Raucherkammerl“ aber cooler ist, weil Terrasse. Zwar umzäunt, aber trotzdem schön.

Aber ja. Dass Freund:innen dann dabei waren, und auch die Polizei, hat mir wieder das Gefühl der Sicherheit und auch der Geborgenheit gegeben, die ich in dem Moment gebraucht habe. Und die Aufmerksamkeit, die ich in solchen Momenten anscheinend in großen Mengen brauche. Und die schwierig ist, sonst zu erlangen, wenn man alleine lebt und sich dauernd einbildet, nirgendwo dazuzugehören bzw. dass man eine Belastung für andere darstellt. Was eine Einbildung ist, die mir die Depression und borderline geben. Es ist jedenfalls besser, sich irgendwie Hilfe zu holen, als sich in solchen Momenten, wo man sich nicht mehr unter Kontrolle hat, sich selbst zu überlassen.

Umgang mit den Schuldgefühlen

Depressive Menschen sehen sich oft als Belastung für ihr Umfeld. Als jemand mit Depression und borderline ist dieses Schuldgefühl noch größer, weil ich denke, dass meine engsten Freund:innen immer auf Zehenspitzen gehen müssen, weil ich mit jedem falschen Wort zusammenbrechen könnte. Was die Freundschaft nicht einfacher macht, weil meine Schuldgefühle in schlechten Momenten so irrational groß werden, dass ich mich – aus Angst, meine Freund:innen zu belasten – noch mehr zurückziehe und sie erst kontaktiere, wenn ich die Grenze überschritten habe und meine Emotionen nicht mehr kontrollieren kann. Ich bin dauernd von Schuld geplagt. Schuld gegenüber meiner Familie, die sich wahrscheinlich gerade Vorwürfe und Sorgen macht. Schuld gegenüber meinen Freund:innen, wie oben erwähnt. Schuld gegenüber allen, weil ich es „schon wieder verkackt hab“.

Ich tue mir also schwer, die Beziehung zu meinen engsten Freund:innen als ausgewogen zu sehen, wenn mir mein Kopf sagt, dass ich für sie eine bedürftige Person bin, eine Porzellanfigur, die sofort zerbrechen kann. Was ist das für eine Freundschaft, wenn man nicht böse auf den anderen sein kann oder die ganze Zeit Sorge haben muss, dass sich die Person selbst verletzen oder gar umbringen kann? Um diese Frage zu beantworten, werde ich noch ein paar Psychotherapie-Sitzungen brauchen.

Für Menschen, die borderline-Erkrankte im Umfeld haben, ist es vielleicht nützlich – wenn sie ihr zB etwas übel nehmen, was bei so einer Beziehung schon vorkommen kann wegen Impulsivität, emotionale Instabilität, etc – einfach zu sagen: „Ich hab dich lieb, aber ich bin gerade sauer und brauche ein bisschen Zeit, bevor wir uns darüber unterhalten. Wie geht es dir damit? Unsere Freundschaft ist mir wichtig, gib mir nur ein bisschen Raum.“ Das ist jetzt aber auch sehr spezifisch für Menschen wie mich, die „Angst vor dem Verlassenwerden“ aufgrund einiger Kindheitstramata haben, was oft Auslöser von borderline-Erkrankungen sind. Das zusätzliche fehlende Selbstbild (in manchen Situationen) führt dann dazu, dass man sich an andere klammert – und wenn eine Säule fällt, fällt die andere. Es ist also wichtig zu lernen, wer man ist und objektiv auf manche Situationen blickt. So wie ich zB im beruflichen Umfeld selbstsicher bin, so muss ich auch lernen, im privaten Umfeld selbstsicher zu werden. Wie würde ich also selber – und rational – reagieren, wenn ich sauer auf jemandem bin? Ist es nachvollziehbar, wie die andere Person reagiert? Dafür hilft anscheinend die „Schementherapie“, die ich bald beginnen werde: Meine Emotionen und Aktionen unterscheiden sich oft nach Situation und bei dieser Art von Psychotherapie lernt man, sich einen anderen Blickwinkel auf die jeweilige Situation zu geben. Es ist eigentlich komisch, weil ich eben im beruflichen Umfeld viel aushalte, viel Rückschlag und Kritik auch vertrage und selbstsicher meine Meinung und Haltung ausdrücken kann. Privat ist das dann ganz anders. Witzig, oder?

Fight and flight: Warum ich immer wieder in der Psychiatrie lande

Ich glaube, im Umgang mit psychischen Erkrankungen heißt es nicht fight or flight, sondern man muss zu beidem zurückgreifen. Man kämpft ständig mit den Gedanken und das ist ein Kampf, den man von außen oft nicht wahrnimmt, der aber extrem anstrengend ist. Schuldgefühle, Antriebslosigkeit, Isolation sind a pain in the ass. Und man muss einmal herausfiltern, was die schlechten, von der Krankheit ausgelösten Gedanken sind und den Gedankenlauf unterbrechen. Und das funktioniert nicht immer, denn irgendwann geht die Kraft aus und dann muss man eben aus dem eigenen Kopf, dem Alltag, den Verantwortungen flüchten. Die Frage ist nur, wohin?

Ich verstehe noch nicht, warum ich immer wieder diesen ‚extremen‘ Weg in die Psychiatrie aufsuchen muss und warum es nicht hilft, sich zB an Freund:innen zu wenden und ein paar Nächte bei ihnen zu verbringen. Ich hatte es in den letzten zwei Wochen tatsächlich auch gemacht, aber es hat eben nicht gereicht. Die Tat an sich war dann ein Hilfeschrei – ich glaube, auch um Aufmerksamkeit zu bekommen und den ständig getragenen Mantel abzulegen, dass alles passt. Da kommt die Verletzlichkeit und der Kampf zum Vorschein, den man sonst automatisch versteckt und hier kann ich alles rauslassen und einfach müde sein, ohne für mich verantwortlich zu sein.

Die Psychiatrie ist aber kein Ort, wo man langfristig bleiben kann oder zu dem man dauernd zurückkehren soll. Auch wenn die Sicherheit von außen in vielen Situationen gut ist und auch aufgesucht werden soll, muss ich daran arbeiten, mir selbst diese Sicherheit geben zu können. Bis dahin kann es sein, dass ich noch ein paar mal hier lande, und das ist wohl okay so.

All in all, mir geht es den Umständen entsprechend gut und ihr müsst euch keine Sorgen machen, dass ihr mich mit irgendetwas belastet*. Morgen bin ich wieder draußen und werde meinem Alltag wieder nachgehen. Ich werde mir auch überlegen, ob ich mich nicht einmal in stationäre Psychotherapie (zB im Otto-Wagner Spital Pavillon 20) begehen möchte, um losgelöst vom Alltag der Bekämpfung meiner psychischen Leiden nachzugehen.

*Außer, ihr seid Teil meines engsten Freundeskreises, an denen ich emotional sehr hänge, die haben momentan die Arschkarte gezogen 😀

3 Antworten zu „Rückzug in die Psychiatrie“

  1. Hallo liebe Evelyn,

    Ich habe deinen Blog und einen Teil deiner Geschichte gelesen. Ich wollte dir mitteilen, dass ich es unglaublich toll & stark finde wie du mit dem Thema „mental health“ umgehst.

    Ich selbst war übrigens 4 Monate in der Tagesklinik im OWS, allerdings 2017/18.

    Schön einen positiven Menschen wie dich im richtigen politischen Umfeld zu wissen!

    Lg

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    1. Hallo Erwin, vielen herzlichen Dank für dein Feedback! Sowas bedeutet mir wirklich viel. Habe während der Zeit am OWS gemerkt, wie sehr Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Stimme brauchen. Ich überlege die ganze Zeit, welche Initiativen man noch in dem Bereich machen kann, wie zB Selbsthilfegruppen für Menschen, die aus der Psychiatrie entlassen werden (wer keinen Therapieplatz bekommt bzw sich leisten kann, wird ja dann ziemlich im Stich gelassen finde ich, von heute 24h Betreuung auf morgen auf sich alleine gestellt). Falls du Ideen oder so hast, können wir gerne mal was gemeinsam machen!!

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      1. Hallo liebe Evelyn, ich hab dir auf Insta eine Anfrage gesendet um uns leichter austauschen zu können.

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