Dieser Beitrag schildert persönliche Erfahrungen. Sie sind außerdem eine Momentaufnahme vom Hier und Jetzt meiner Gedanken und Situation. Die beschriebenen Gedanken, Symptome und Erfahrungen müssen nicht auf andere mit borderline- und/oder Depression Erkrankte zutreffen. Psychische Erkrankungen äußern sich bei jedem anders, jede:r Betroffene bedarf daher einer eigenen Behandlung. Wichtig ist jedenfalls, sich in psychiatrische/psychotherapeutische Betreuung zu begeben. Damit man lernt, mit diesen Krankheiten umzugehen.

Seit 2021 bin ich in Therapie. 2021 habe ich die Diagnose rezivierende – also wiederkehrende – mittelgradige Depression bekommen. Das war für mich keine Überraschung. Meine ersten depressiven Episoden haben mit 17 begonnen, als meine Eltern sich getrennt haben. Seitdem suchen sie mich immer wieder heim, so wirklich bewusst sind sie mir mit der Pandemie geworden.
2022 bekam ich eine zusätzliche Diagnose: Borderline. Diese Diagnose war für mich neu, und anfangs erleichternd. Sie erklärte den Suizidversuch, der mir diese Diagnose schließlich brachte, und auch die kommenden Suizidversuche – eigentlich „parasuizidales“* Verhalten. Sie erklärte die Beziehungsstörungen, die ich seit meiner Kindheit habe. Die Impulsivität. Die emotionale Instabilität. Das schwarz-weiß Denken, dessen ich mir nicht einmal bewusst war. Das war alles also sehr erleichternd, weil ich den Grund für sozusagen alles hatte. Alles machte nun einen Sinn. Warum ich keine längeren Beziehungen führen konnte, warum ich Ideen habe und sie sofort umsetzen will, egal wie realistisch sie sind, und so weiter.
Nach einigen Monaten sah ich aber eben alles als Borderline. Meine Stärken wurden in meinen Augen zu Schwächen, zu Symptomen einer Krankheit. Ich wurde zu Borderline. Und das war belastend. Aber auch das war schwarz-weiß Denken, also Borderline. Könnt ihr euch vorstellen, was in meinem Kopf vorgeht, wenn ich selbst meine Analysen noch einmal analysieren muss um zu schauen, ob sie rational sind oder durch meine Lebenserfahrung, meine Glaubenssätze, meine psychischen Erkrankungen verbogen sind? Wöchentliche Psychotherapie, drei Aufenthalte auf der Akutstation und 3 Monate auf der stationären psychotherapeutischen Behandlungsstation lehrten mir schließlich: „Die Dosis ist das Gift.“ Empathisch zu sein ist zum Beispiel eine Stärke. Aufopfernd zu sein eine Schwäche. Das sind zwei Extreme, zwischen denen viel Spielraum ist.
Jedenfalls beschäftige ich mich schon sehr lange mit meinen psychischen Erkrankungen. Ich komme gerade erst dazu, sie wirklich nicht als Ich zu sehen, zu sehen dass ich nicht meine Krankheiten bin. Ich predige oft das, was ich für richtig halte – was ich für mich selber aber oft nicht verinnerlicht habe. Die letzten zwei einhalb Jahre, also seit Beginn der Pandemie, habe ich mich so von meinen psychischen Erkrankungen einnehmen lassen, dass ich mich gar nicht mehr als die Person gesehen habe, die ich davor war. Oder die ich eigentlich bin. Ich habe in der Therapie Bilder gemalt mit dem Titel „Der Weg zum Ich“, und habe versucht zu lernen, einen Selbstwert aufzubauen. Meine Persönlichkeit zu finden. Und habe ganz außer Acht gelassen, dass Ich schon Ich bin, und Ich schon eine Persönlichkeit habe. Das wirkt für andere, die mich kennen, vielleicht überraschend. Dass ich keinen Wert in mir sah und nicht wusste, wer ich bin. So wirkt es auch nach außen nicht, so ist es ja eigentlich auch nicht, aber so bildete ich es mir ein.

Gestern ist mir diese Erkenntnis gekommen. Und dass ich eigentlich so viel in meinem Leben schon erreicht habe. Als Kind zweier Migrant:innen, die die Kulturrevolution überlebt und nach Österreich migriert sind – mit nichts – bin ich eine Person geworden, die für sich selber und andere einstehen kann (was für viele Migrant:innen nicht selbstverständlich ist, da wir in einer Spirale von Alltagsrassismus, Rassismus und Unterwerfung stehen). Ich habe nicht nur Jus studieren begonnen, ich habe auch internationale Arbeitserfahrungen in China, Polen und Frankreich gemacht. In Paris studiert. Bei der Botschaft gearbeitet. Bei der UNO gearbeitet. Und engagiere mich jetzt für eine NGO, die Migrantinnen berät. Und bin in der Politik.
Berufliche Erfolge sind für mich wirklich nicht das Allerwichtigste. Aber für ein Migrakid, dessen Eltern absolut keine Ahnung vom System hier hatten, kann ich schon stolz darauf sein. Und auch stolz auf die Person, die ich geworden bin. Und stolz auf die Freund:innen, die ich habe. Ich bin all das, mit oder ohne meinen psychischen Erkrankungen. Warum sollte ich das aufgeben, wofür? Weil ich psychisch krank bin?
Langsam dämmert es mir, dass ich nicht nur lernen kann, Abstürze zu verhindern – ich kann meine psychischen Krankheiten besiegen. Nicht im Sinne von verdrängen – ganz und gar nicht, der Umgang und die Verarbeitung deren ist essentiell für den psychotherapeutischen Fortschritt – aber im Sinne von, ich werde nicht weiter zulassen, dass sie alles, was ich bin, in den Hintergrund stellen.
Ein Suizidbegriff wird sehr weit gefasst. Allein eine Rasierklinge in die Hand zu nehmen kann schon als Suizidversuch gelten. Für viele Borderliner ist das selbstschädigende Verhalten (sowohl körperlich als auch psychisch) die größte Symptomatik. Zur körperlichen Selbstschädigung hat Marsha Lindehan, Begründerin der Borderline DBT-Therapie, den Begriff „parasuizidal“ entwickelt: „There had long been confusion over the terms that describe suicide and suicide attempts. When someone injures herself in the point of killing herself, you can justifiably call her behavior a suicide. But when intentional self-injury lands that person in the hospital, the situation is ambiguous. Therapists are often quick to describe this as „attempted suicide,“ a failed effort to kill oneself. But we have to remember that where therapists see suicide and intentional self-injury without death as the problem, the people doing it regard it as a solution. Research shows that self-injury can be very calming. I preferred to use the term „parasuicide,“ a term that encompasses suicide and non-suicidal intentional self-injury.“ (Building a Life worth Living, von Marsha Lindehan)
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