Dieser Beitrag schildert persönliche Erfahrungen. Sie sind außerdem eine Momentaufnahme vom Hier und Jetzt meiner Gedanken und Situation. Die beschriebenen Gedanken, Symptome und Erfahrungen müssen nicht auf andere mit borderline- und/oder Depression Erkrankte zutreffen. Psychische Erkrankungen äußern sich bei jedem anders, jede:r Betroffene bedarf daher einer eigenen Behandlung. Wichtig ist jedenfalls, sich in psychiatrische/psychotherapeutische Betreuung zu begeben. Damit man lernt, mit diesen Krankheiten umzugehen.

Ich dachte immer, ich wäre nie wütend. Ich kann mich auch an kaum Ereignisse erinnern, die mich in Rage versetzt haben. Heute habe ich gelernt, dass man Emotionen auch unterdrücken kann – eine erlernte Strategie, weil das Gefühl „nichts gebracht hat“.
Ich sah Wut immer als etwas negatives. Menschen, die wütend sind, sind unberechenbar. Menschen, die wütend sind, sind egoistisch. Das sind Zerstörungseffekte, die tatsächlich auch die Schattenseiten der Wut sind. Wut wird als Abwehr verwendet.
Heute habe ich aber auch gelernt, dass die Wut auch positive Seiten hat. Sie lässt einen die eigenen Grenzen erkennen und für sich einstehen. Oder für andere. Ich bin wütend, weil meine Grenzen überschritten wurden. Egal ob von anderen oder von mir selbst. Ich bin wütend, weil ich ungerecht behandelt werde. Ich bin wütend, weil mich etwas/jemand nicht in Ruhe lässt.

Auch hier gilt (wie ich so oft in der Therapie höre): Die Dosis ist das Gift. Sowohl einen Überschuss an Wut als auch die Wut übermäßig zu unterdrücken sind nicht gut. Zu viel Wut führt dazu, dass man engstirnig wird und nur noch das Problem und sich selbst sieht. Zu wenig Wut führt dazu, dass man das Problem in sich hineinfrisst oder unentschlossen ist. Lasse ich mich nicht auf das Gefühl ein, wird das Problem oft nur stärker und Gefühle stauen sich an, bis sie irgendwann ausbrechen.
Wie jedes Gefühl kann auch die Wut Folgeemotionen haben. Bin ich wütend und setze ich mich für mich oder andere erfolgreich ein, freue ich mich. Unterdrücke ich die Wut, kann Trauer, Scham, Mitgefühl, etc folgen.
Um Gefühle abzufedern, gibt es verschiedene Techniken. Man kann einen Faktencheck machen und analysieren, ob die Emotion gerechtfertigt ist und in dem Ausmaß wirklich objektiv nachvollziehbar ist. Man kann entgegengesetzt handeln, denken, oder eine entgegengesetzte Körperhaltung einnehmen (zB die Brust zu öffnen anstatt sich zu verkrampfen, das Kiefer zu lockern anstatt es anzuspannen). Klingt komisch, aber das hilft wirklich. Und was auch immer gut ist, ist sich von der Situation zu distanzieren und danach mit einem klaren Kopf wieder hineinzugehen.
Der heutige Tag war sehr anstrengend und hat viel Kraft gebraucht, um zu verstehen, warum ich Wut unterdrücke. Sobald ich aber die Erkenntnis hatte und der Wut ihren Platz gegeben habe, fühlte ich mich unglaublich erleichtert. Falls du auch zu jenen zählst, die Wut unterdrücken (und es ist kind of ein gesellschaftliches Ding – Frauen unterdrücken die Wut eher als Männer, weil sie ja sonst „hysterisch“ wirken oder so): you should try it out!
Hier ein paar Fragen, wie ihr euren Emotionen, hier der Wut, auf den Grund gehen könnt:
Welche Auslöser hat die Wut für dich und wie interpretierst du sie?
Welche körperlichen Auswirkungen hat die Wut?
Welche Gedanken kommen mit der Wut und wie interpretierst du sie?
Welcher Handlungsdrang kommt mit der Wut?
Wie kannst du die Wut abschwächen?
Welche Folgeemotionen hat die Wut für dich und wie interpretierst du sie?
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