Ein Brief an mich selbst. Für schlechte Zeiten.

Letztes Jahr war ich dreimal wegen Suizidversuchen auf der psychiatrischen Akutstation. Dieses Jahr war ich freiwillig den Großteil des Jahres in der Psychiatrie, um an meinen psychischen Erkrankungen – Borderline und Depression – zu arbeiten. Drei Monate stationär, ein Wochenende akut, und drei Monate in der Tagesklinik. Es hat sich viel getan. Ich wurde am Montag entlassen und habe einen Brief an mich selber geschrieben, den ich mir in schlechten Momenten anschauen möchte. Ich will ihn mit euch teilen, weil er euch vielleicht auch Kraft gibt:

Liebe Evelyn,

heute hast du 6 Monate Psychiatrie hinter dir. Während du am Ende des stationären Aufenthalts und auch während der Pause noch mehr Therapie wolltest, freust du dich heute – und auch die letzten 2 Wochen – schon auf die Entlassung.

Heute ist außerdem ein überaus guter Tag. Du hast viel Energie und siehst voller Motivation und Positivität auf das Leben nach der Klinik.

Es fühlt sich nicht so an, aber rückblickend hast du wirklich viel gelernt. Du hat Skillsketten für alle möglichen Szenarien und Strategien, wie du mit deinen Gedanken umgehst. Du hast schlechte Launen abgemindert, indem du zu Hause und im Auto laut gesungen und getanzt hast. Du kannst deine Bedürfnisse viel besser erkennen und kommunizieren. Du bist es dir wert, dass du für deine Bedürfnisse einstehst und es nicht zulässt, ungerecht behandelt zu werden. Du hörst auf, dich mit Borderline und Depression zu identifizieren und siehst deine Stärken nicht mehr als Symptome einer Krankheit, sondern siehst sie als Stärken an. Nämlich bist du stark, du hast so viele Hürden in deinem Leben geschafft und vor allem das letzte Jahr überstanden.

Du bist reflektiert und lernst schnell. Du bist liebenswert (!!!) und hast viele gute Freunde, denen du wichtig bist. Du machst, was dir Spaß macht (Politik) und bewirkst dabei etwas. Du inspirierst die Menschen um dich herum. Du ermächtigst die Menschen um dich herum.

Letztes Jahr hatte das Leben keinen Sinn für dich und du wolltest mit 27 sterben. Heute fühlst du die Sonnenstrahlen im Gesicht und dein Herz erwärmt sich, wenn du das Lachen anderer siehst. Die letzten Monate mochtest du nicht viel mit Menschen zu tun haben. Heute freust du dich über die Eigenart jeder Person. Letztes Jahr hattest du kein Ziel vor Augen. Heute willst du wieder ordentlich in die Politik einsteigen und das Studium wieder aufnehmen und beenden. Letztes Jahr wusstest du nicht, wo deine Grenzen sind. Heute bist du dir selber viel bewusster. Letztes Jahr bist du oft abgestürzt, wenn dich etwas getriggert hat. Heute kannst du die Fakten von den Emotionen trennen und weißt, dass es dir besser geht, wenn du du bist.

Du hattest keinen Selbstwert und heute bist du es dir wert, weiterzumachen – und wie!! Du weißt, dass wieder schlechte Tage kommen werden. Aber sie gehen auch wieder vorbei und es werden immer wieder noch so kleine Momente kommen, die dein Herz erfüllen. Du glaubst an dich.

Du bist nicht perfekt und wirst es auch nie sein – niemand wird es sein. Du willst es vielleicht auch gar nicht werden, weil das Leben dann wahnsinnig langweilig und oberflächlich und ohne Lernen wäre.

Schau auf dich. Nimm dir nicht zu viel vor, aber bleibe auch hartnäckig, wenn du zu nichts mehr Lust hast. Mach dir nicht zu viel Druck, aber bleib weiter an deinem Gelernten und deinen Themen dran. I believe in you.

4 Antworten zu „Ein Brief an mich selbst. Für schlechte Zeiten.“

  1. Liebe Frau Evelyn Shi habe gerade Zeit und habe das mit dem Makler gelesen, und ich meine das es heute leider genug Idioten gibt.
    Man muss immer aufmerksam sein gegenüber seiner inneren Energie, oder zur Widerstandskraft, den die ist sehr wichtig um sich nicht unterdrücken zu lassen, man sollte sich einen Mentalen Schalter integrieren wo man diesen sofort aktivieren kann, den wen man einen Hasen ausstrahlt dan werden oft die anderen zu Raubtiere.
    Aber man muss seinen Wiederstand pflegen sowohl geistig als auch körperlich mit halbwegs gesunden Essen und auch mit Entspannung, in diesem Punkt ist auch euer früher Chef ein vorzeige Mensch der auch so wie ich mit dem Bhudismus verbunden ist, oder auch Sallinger für den ich mich auch interresiert habe.Also nicht verzagen und immer den inneren Widerstand zeigen.

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    1. Hallo Ewald! Tut mir Leid, ich habe deine Nachricht jetzt erst gesehen. Ich kann dir nur zustimmen, Widerstandskraft, „mentaler Schalter“ und vor allem die Selbstfürsorge sind sehr wichtig!

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  2. Liebe Evelyn, von Herzen wünsche ich Dir viel Kraft, Mut und Zuversicht! Verweile, heile und wachse weiterhin über Dich hinaus! Herzlichst, Sovely

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    1. Hallo! Vielen Dank 🙂

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