An alle Politiker:innen, die heute, am Tag der psychischen Gesundheit, nach Kassenplätzen schreien, möchte ich appellieren: das ist nur ein Punkt von vielen. Wir müssen das Thema psychische Gesundheit endlich entstigmatisieren. Ich selbst bin bei den NEOS – eine Partei, die sich sehr stark für die psychische Gesundheit einsetzt. Aber auch da gibt es Menschen, die seit dem „Ausbrechen“ meiner Erkrankungen ein anderes Bild von mir haben.
Ich gehe öffentlich damit um, auch wenn es mir schadet, weil ich weiß, dass es anderen hilft. Und das hilft mir. Selbst wenn es nur eine Person ist, die ich erreiche: das ist ein Menschenleben.
Ich habe schon drei Menschen verloren, die die Last der eigenen Erkrankung und der gesellschaftlichen Stigmatisierung nicht mehr ausgehalten haben. Um das zu verhindern, reicht es nicht, nur ein paar Mal im Jahr Kassenplätze zu fordern.
Meine Message für heute und auch für alle anderen Tage geht an alle, die selber an psychischen Erkrankungen leiden und all ihre Angehörige: ihr seid nicht alleine. Bitte gebt nicht auf und sucht euch Hilfe, wenn ihr sie braucht (und das besser früher als später).
Und danke an meine Familie und meine Freund:innen, die für mich da sind. Ohne euch wäre ich heute vielleicht nicht mehr. ❤️
Kein Scherz: es gibt eine WhatsApp-Gruppe, die „Krisengruppe Evelyn“ oder so heißt. Da haben sich meine engsten Freund:innen koordiniert, wenn es mir nicht gut ging (ich bin selber nicht in der Gruppe). Ich schätze, die wurde irgendwann 2022 gegründet, als ich dreimal aufgrund von Suizidversuchen auf der Akutpsychiatrie war. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich für sie bin.
Ich habe 2021 eine Therapie begonnen, weil ich alleine nicht mehr klargekommen bin. Die Isolation während der Pandemie hat mich wirklich traumatisiert. Ich wurde dann mit Depression diagnostiziert. Medikamente und wöchentliche Therapien folgten. Trotzdem wurde es immer schlimmer und irgendwann sah ich den Sinn des Lebens nicht mehr (learning: spätestens da sollte man sich professionelle Hilfe holen)
Der erste Suizidversuch erfolgte im März 2022. Ich war in Frankreich, angetrunken, und auf einmal war mir alles zu viel und ich habe spitze Gegenstände gesucht, um mir die Pulsadern aufzuschneiden. Das zweite Mal war im Juni 2022, ich nahm eine Überdosis. Meine beste Freundin saß im Rettungswagen und hielt meine Hand, während ich halb bewusstlos da gelegen bin.
Zwei Tage habe ich auf der Intensivstation durchgeschlafen. Das dritte Mal war im Oktober 2022. Ich meldete meinem besten Freund, dass es grad wieder nicht mehr ging. Ich war mit allem fertig, legte mein Handy weg und setzte mich mit dem Küchenmesser auf den Küchenboden. Mein bester Freund hatte dann Polizei und Rettung zu mir gerufen.
Gestern habe ich erfahren, dass für meine beste Freundin das dritte Mal viel schlimmer war als das zweite Mal. Das war für mich anfangs unverständlich, weil die Überdosis doch von den Folgen her schlimmer war. Aber da ist sie zumindest neben mir gewesen und wusste, dass ich lebe. Beim dritten Versuch war ich für sie nicht erreichbar und deswegen war es für sie schlimmer, weswegen sie von der Uni mit dem Taxi hergeeilt ist.
Das hat mir wieder verdeutlicht, wie schwierig es auch für Angehörige von psychisch Erkrankten ist. Ich bin so dankbar für die Menschen, die bedingungslos für mich da sind. Ich möchte allen Angehörigen aber mitteilen, dass sie auch Grenzen haben dürfen. Das wichtigste für uns Kranke ist zu wissen, dass ihr da seid. Aber natürlich müsst ihr uns nicht „heilen“! Und bitte, wenn es euch zu viel wird, verweist an professionelle Stellen wie Rettung/Psychiatrie/Ärzt:innen/PSD. Ihr müsst diese Last nicht alleine tragen.
Und allen, denen es momentan nicht gut geht möchte ich sagen: bitte gebt nicht auf. Es erscheint vielleicht unmöglich, aber es wird wieder besser! Irgendwann werdet ihr innehalten und bemerken, dass ihr das Leben gerade genießt. Es ist keine Veränderung, die von heute auf morgen einfach so passiert. Sie erfordert harte Arbeit (in meinem Fall 6 Monate Psychiatrie letztes Jahr). Ich habe zwar schon noch schlechte Tage, aber grundsätzlich führe ich wieder ein „normales“ Leben mit all seinen normalen Höhen und Tiefen.
Ich bin unendlich dankbar und sehe das Leben jetzt mit anderen Augen. Vorletztes Jahr sah ich keinen Sinn am Leben. Keinen Sinn am Dasein – ich wäre nur eine Belastung für alle um mich herum. Nichts hat Spaß gemacht und die Depression war ein Schmerz, der mit keinem körperlichen Schmerz vergleichbar war. Heute möchte ich wieder die Welt zum Besseren verändern und ich liebe meine Familie, meine Freund:innen meine Wohnung, meine Hobbies. Über alles. Und es tut mir weh, dass ich meiner Familie und meinen Freund:innen so große Sorgen bereitet habe.
Ein Argument, dass von vielen kommt, ist: denk doch an die Menschen, die dich vermissen würden, wärst du tot. Damals dachte ich mir: die kommen schon darüber hinweg. Aber kommt man jemals über den Tod einer geliebten Person hinweg? Ich habe selber zwei Freunde und einen Cousin, die sich das Leben genommen haben. Selbst nach vielen Jahren ist der Schmerz noch da, wenn ich an sie denke. Ich wünschte, sie hätten nicht aufgegeben. Also bitte gebt nicht auf! Und holt euch Hilfe, falls ihr noch nicht in ärztlicher Betreuung seid.














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